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Schu schreibt: Das Mehr beim Kinderturnfest

Nun gut, damit hätte man jetzt nicht rechnen müssen. Da springt die gute alte Turnzeitung hinein in die Schnitzelgrube der digitalen Welt, wirft dabei allerlei Ballast ab, aber die kruden Schreibübungen des alternden Redakteurs bleiben erhalten. Weil wir aber gelernt haben, stets das Gute in den Dingen zu sehen und nicht das Negative (was man uns Deutschen ja gerne nachsagt), freuen wir uns erst einmal, dass sie uns überhaupt lesen und ganz besonders darüber, dass sie sich auf diese kleine Kolumne weiterhin einlassen. So, das vorab, denn gleich zu Beginn von diesem neuen bzw. alten Format soll es ernst werden. Denn es geht um Olympia, es geht um das Landeskinderturnfest und es geht um Werte. Aber der Reihe nach.

Gerade sind die Olympischen Winterspiele zu Ende gegangen. Mit einer wunderschönen Abschlussfeier in der „Opern Arena“ zu Verona. Ein Hochgenuss für sportgeneigte Kulturfreund*innen (oder umgekehrt). Doch trotz reichlich Verdi ist sich die Sportschau sicher: „Ohne die geniale Erfolgsgeschichte, die die Deutschen bei diesen Spielen in der Eisrinne schrieben, wären es verdammt traurige Spiele geworden“. Das klingt ernüchternd. Dabei war es doch richtig schön: Kaiserwetter bei den alpinen Skiwettbewerben, Schneefall an der Sprungschanze, Espresso am Cafe-Tresen und Moretti-Bier an der Schnee-Bar. Doch Sportdeutschland ist unzufrieden. Denn das Einzige, was zählt, sind Medaillen, goldene zuvorderst. Das bemerkt selbst der Ministerpräsident eines angrenzenden Freistaates in einem Welt-Interview: „Es braucht deshalb eine neue Sport-Strategie in Deutschland … Wir können mehr!“

„Stimmt, Herr Söder!“ ruft der Autor dieser Zeilen gerne ins benachbarte Bayern. Schauen sie doch mal bei uns in Hessen vorbei, vielleicht Mitte Mai, in die schöne Domstadt Limburg. Daselbst mangelt es vielleicht an Leberkäsebrötchen und Weißbier, das mag aber als mögliche neue Sport-Strategie ein erster Schritt sein. Aber auch sonst: 3.000 Kids, die sich der Vielseitigkeit des Turnsports verschrieben haben und ihre Bewegungserfolge so richtig ehrlich feiern werden. Das ist, gelinde gesagt, aber offensichtlich nicht so interessant für die Werbeindustrie, für die Likes sowie die Einschaltquoten, schon gar nicht fürs Medaillenzählen sowie fürs Ego und das Antlitz all jener, die sich gerne mit den sportlichen Erfolgen „ihrer Athlet*innen“ schmücken wollen. Was wir noch zu bieten haben: viele, viele Talente zweifelsfrei, breit ausgebildet und beseelt vom echten Sportsgeist. Den wir auch noch zusammenbringen mit echten Werten, die auch sonst im Leben weiterbringen oder vielleicht sogar in Zukunft einen Wettkampf unter der Jugend dieser Welt ermöglicht. Ich dachte da zuvorderst an Nachhaltigkeit, ein neuerdings etwas ins Hintertreffen geratener Wert. Oder Inklusion und Integration, beides mühsam und teuer, aber Fundamente eines egalitären Miteinanders. Dann natürlich das Kindeswohl, was sicher keiner weiterer Ausführungen bedarf. Und der vierte Wert, da zitiere ich doch gerne die Vorsitzende der Hessischen Turnjugend: „Turnen kann auch unsere Demokratie stärken. Es kann Mitbestimmung fördern. Es kann Kinder und Jugendliche ermutigen, ihre Stimme zu nutzen und Verantwortung zu übernehmen.“

Ja, wir können mehr. Viel mehr. Es ist nur eine Frage der Sichtweise und eine Frage des Wollens. Ich habe das Gefühl, dass uns eine wertebasierte Sportstrategie ein klares Mehr bringen würde, abseits von fremdgesteuerter Leistungspolemik und nichtsnutzenden internationalen Vergleichen. Ist halt nicht so populär (oder populistisch) und generiert halt nicht so viele Likes, Werbeeinnahmen oder gar Wählerstimmen. Fördert aber den Spaß und die Gesundheit, stärkt selbstbestimmte Menschen und dazu noch unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Manchmal sollten wir vielmehr das Gute im Turnen und Sport sehen. Nicht nur in Hessen.