Aber der Vergleich verbietet sich, muss ich kleinlaut eingestehen. Fangen wir bei den Tickets und der Location an. Zwei Monate vorher sind die Finals der RSG-WM offensichtlich ausverkauft, obwohl die günstigeren unter den Eintrittskarten für schlappe 150 Euro erwerbbar waren. Ist aber eine Lachnummer gegen die Finalpreise bei der WM der Kicker. Und erst die WM-Halle: Die Festhalle, Frankfurts „Gud Stubb“, Schauplatz vieler Turnfeste, Spielort unserer Turnshows und natürlich ein architektonisches Meisterwerk seiner Zeit. Was atmosphärisch oder architektonisch Vergleichbares findet sich unter den Fifa-WM-Spielstätten ganz objektiv nicht. Bleibt noch die Sache mit den Teilnehmenden.
Da wird’s schwierig. Während der oberste Gastgeber jenseits des großen Teichs seinen Kriegsgegner willkommen heißt, gleichzeitig aber einen akkreditierten somalischen Fifa-Schiedsrichter durch die Einwanderungsbehörde an der Einreise hindert, dürfen wir in unserer Gud Stubb Athletinnen aus Belarus und der russischen Föderation willkommen heißen. Ob wir wollen oder nicht. Diese Entscheidung kann man sportlich nachvollziehen, denn die Gymnastinnen zählen zweifelsfrei zu den Besten in der RSG. Dennoch sollten wir nicht vergessen: Sie repräsentieren Länder, die einen menschenverachtenden, brutalen Angriffskrieg vor unserer Haustür angezettelt haben, der tausende unschuldige Menschenleben gekostet hat – auch wenn sie unter neutraler Flagge starten. Das sportliche darf an dieser Stelle nicht höher bewertet werden als die ethisch-politische Dimension. Auf keinen Fall. Denn gerade die (deutsche) Turnbewegung beruft sich immer auf die sozialen, demokratischen und humanistischen Werte.
Wir alle wissen, dass diese Entscheidung an uns vorbei gefällt wurde, durch internationale Gremien, die am Ende aber ganz ähnlich agieren wie die vielgescholtene Fifa. Kommerz, Märkte und Lobbyismus bestimmen hier ganz offensichtlich die vermeintlich sportlichen Belange. Schade. Aber es ist wohl naiv zu glauben, dass Turner*innen diejenigen sind, die für ihre Werteorientierung (bedingungslos) einstehen. Auch nicht in der Gud Stubb im schönsten aller Bundesländer.
Jetzt aber Schluss mit dem moralinsauren und defätistisch-deutschen Geplänkel. Denn wir hessischen Turner*innen können’s doch, und zwar richtig gut, wenn auch im Kleinen, oder sogar noch viel besser: für die Kleinen. Gemeint ist das Landeskinderturnfest im Mai in Limburg, dass mit dem bescheidenen Anspruch an den Start ging, die Welt bunter zu machen. Hat geklappt, trotz viel grauer Wolken am Firmament der Domstadt. Man darf der Hessischen Turnjugend nur gratulieren für ihre eigenen, hoch angelegten Ansprüche in Sachen Werte. Vielfalt, Demokratie, Integration und Nachhaltigkeit, eigentlich dick aufgetragen für ein Kinderturnfest. Von wegen: Bis aufs stille Örtchen wurde man mit Demokratie-Erziehung konfrontiert, wie unser Foto aus einer Wettkampfstätte beweist. Und selbst dem vergleichsweise greisen Besucher dieses außergewöhnlichen Landeskinderturnfestes wurde wieder mal deutlich vor Augen geführt: Im großen Ganzen geht’s beim Großen ums Ganze. Auch für die Kleinen. In einer grauen Welt mag doch keiner von uns Leben, auch nicht im Alter.

