Aber der Reihe nach. Bergturnfeste sind etwas Besonderes. Und sie sind irgendwie ein Stück hessische Identität. Ursprünglich demokratisch-nationalistisch geprägt, war es der Frankfurter Turnvater August Ravenstein, der die Turner auf die Höhen holte. Genau genommen auf den Hausberg der Frankfurter*innen, den Großen Feldberg. Am 23. Juni 1844 feierten die Turner (und sehr schnell auch die Turnerinnen) dort das erste Bergturnfest im deutschsprachigen Raum, ehe die Restauration auch das Feldbergfest zu einer Unterbrechung bis 1860 zwang. Doch danach verbreitete sich hierzulande die Idee rasend und erfreute sich bei Hessens Turner*innen allergrößter Beliebtheit. Daran änderte auch Gleichschaltung, Nationalsozialismus und der daraus resultierende Krieg nichts. Kaum wieder zugelassen, ergriffen die Turner*innen wieder von den Bergen Besitz, in den 60er Jahren waren es insgesamt 23 Bergturnfeste in Hessen, drei mehr als es Turngaue gab. Und ganz so wie es Ravenstein vorgemacht hatte, machten die Hessenturner auch vor den prominenten Erhebungen nicht halt. Feldberg, Hoherodskopf, Meißner, Ettelsberg, einst auch am Loreleifelsen und eben neben der Burg Frankenstein am westlichen Rand des Odenwaldes. „Abseits des hastenden Alltags und fern der oft aufputschenden Massenveranstaltungen und des Schaubetriebes sind sie nach wie vor unverändert wettkampfbetonte Feste volkstümlicher Art der turnerischen Gemeinschaft an landschaftlich besonders schönen oder geschichtlich bedeutsamen Stätten der Heimat,“ schrieb der erste HTV-Vorsitzende, Franz Wilhelm Beck, über die Bergturnfeste 1968. Klingt etwas antiquiert, trifft die Sache aber im Kern: An ganz besonderen, naturnahen Orten relativ barrierefrei Turnen, Leichtathletik zu treiben und zu wandern - in einer familiären Gemeinschaft aller Altersstufen.
Das besondere sind natürlich auch die Wettkampfanlagen, die oft natürlich keine sind. So wird der Waldweg zur Laufbahn wie beim Frankensteiner Lindwurmlauf oder die Wiese vor der Bergturnfesthütte zur Kugelstoß-Arena. Und um das Ganze wenigstens halbwegs gangbar zu machen, bedarf es regelmäßiger Pflege. Die heißt für den ausrichtenden Verein, den TV Nieder-Beerbach, Traktor mit Mäher fahren. Beim volljährigen Turner-Nachwuchs gar nicht so unbeliebt – zumindest manchmal. Aber auch sonst ein echter Haufen Arbeit, den unter der Ägide von Axel und Udo Bausch, insgesamt 60 Helfende stemmen. Inclusive W-Lan und Digitalisierung des Wettkampfgeschehens, denn die Karis übertragen die Ergebnisse per Handy direkt in die Auswertungszentrale, danach sind sie in Echtzeit auf der Homepage einsehbar.
Ob das ein Grund mehr ist, ein Bergturnfest aufzusuchen, sei dahingestellt. Es ist aber auch ein Beweis dafür, dass auch die Bergturnfeste in der Gegenwart angekommen bzw. verortet sind. Das beweisen aber vielmehr noch die Wettbewerbe in eben dieser ungewöhnlichen Umgebung. Klar, da geht es nicht um Höchstleistungen. Gerade die Kleinen, und an denen mangelt es am Frankenstein nicht, gehen mit einem unglaublichen Spaß an den Start, bei den Sprints über den holprigen Waldweg kocht die Stimmung, laustarke Anfeuerungsrufe hallen aus dem Wald zurück, während gleichzeitig direkt nebenan die Senior*innen die Lichtungswiese mit der Kugel malträtieren. Die Atmosphäre ist wirklich ganz außergewöhnlich und sie ist, wie Turnfeste generell, ansteckend. So finden sich gerade unter den Trainer*innen und älteren Aktiven sozusagen nur Wiederholungstäter*innen. Wenn der Bergturnfest-Virus einmal zugeschlagen hat, ist er halt nicht mehr zu stoppen.
Bergturnfeste gibt es überall. Und der Ausflug auf die hessischen Höhen lohnt. Neugierig: die nächsten Termine? Hier die Übersicht für den Sommer:
130. Mensfelder Bergturnfest, 29. - 30. August 2026
57. Sensenstein Bergturnfest, 29.- 30. August 2026
107. Rhönturnfest, 30. August 2026
27. Lützelhäuser Bergturnfest, 4.-5. September 2026
68. Bergturnfest Oberlahn-Eder, 6. September 2026
84. Hoherodskopf-Bergturnfest, 6. September 2026
67. Wingertsbergturnfest, 12. September 2026



