Die Erinnerung an Weidig lebendig halten

| Erstellt von Albert Mehl (Gießener Anzeiger) | Verband Sport

Am ehemaligen Wohnhaus des Turnpioniers und Revolutionärs Dr. Friedrich Ludwig Weidig wurde am 23. Februar eine Plakette in seinem Gedenken angebracht.

Es sind schon einige Städte und Orte in Deutschland, die sich in den vergangenen Jahren mit neonazistischen und fremdenfeindlichen Ausschreitungen einen schlechten Ruf erworben haben. Kirtorf gehört nicht dazu. Auf keinen Fall. Aber ein leichter brauner Schatten liegt auf dem Städtchen im nordwestlichen Ende des Vogelsbergkreises. Dafür gibt es Gründe: Ein Landwirt mit nationalsozialistischem Gedankengut, der Neonazi-Partys veranstaltet und NS-Symbole auf dem Acker ausbringt, sowie dort beheimatete Polizisten, die im Verdacht stehen, einer rechtsextremistischen Gruppe in ihrem Dienstort Frankfurt anzugehören. „Zu 99 Prozent denken wir hier demokratisch“, beteuert Volker Schneider aus dem Stadtteil Ober-Gleen. „Ich hätte das für fast unmöglich gehalten, jetzt nach einer so positiven Entwicklung bei uns in Deutschland“, ist dem 63-Jährigen die aktuelle Entwicklung vor seiner Haustür mehr als suspekt.

Schneider hat doppelten Grund, sich vor Ort für die Verteidigung der demokratischen Gesellschaft und ihrer Werte einzusetzen. Zum einen angesichts der Entwicklung in seiner Heimatgemeinde, zum anderen, weil an seinem Haus eine Plakette zur Erinnerung an Dr. Friedrich Ludwig Weidig angebracht worden ist. Denn das damalige Pfarrhaus von Ober-Gleen war für ein halbes Jahr 1834/35 die letzte Wohnstätte des Revolutionärs und Turnpioniers, bevor er nach Darmstadt in den Kerker gebracht wurde, wo er 1837 den Tod fand.

Darin resultiert für Volker Schneider eine persönliche Verpflichtung. „Weidig hat mich sehr geprägt“, erklärt der heutige Hausbesitzer, dessen Großvater das Haus schräg gegenüber der evangelischen Kirche 1928 von der Kirchengemeinde gekauft hat. „Er war ein Teil des Vormärz, eine zentrale Figur in Hessen“, betont auch Norbert Kartmann, der Präsident des Hessischen Turnverbands (HTV), bei der Enthüllung der Gedenktafel die Bedeutung von Weidig über die des Turnpioniers hinaus.

Der Tag der Vorstellung der Plakette an dem Gebäude in der Weidig-Straße von Ober-Gleen ist passend gewählt. Denn auf den Tag 182 Jahre zuvor, am 23. Februar 1837, ist Friedrich Ludwig Weidig in Darmstadt im Kerker gestorben. Unter nicht ganz geklärten Umständen. Aber es darf davon ausgegangen werden, dass die körperliche und psychische Folter maßgeblichen Anteil am Ableben des Lehrers und Pfarrers hatte.

Die Zeit in Ober-Gleen war die letzte in Freiheit, bevor der politische Revolutionär seine letzte Wegstrecke über Friedberg nach Darmstadt ins Arresthaus antrat. Der am 15. Februar 1791 in Oberkleen bei Butzbach geborene Weidig steht für Kartmann auf einer Stufe mit Friedrich Ludwig Jahn, dem „Turnvater“. Während dieser ab 1811 in Berlin auf der Hasenheide die Grundzüge der Turnbewegung entwickelte, schuf Weidig 1814 in Butzbach auf dem Schrenzer einen Turnplatz.

Zudem war Friedrich Ludwig Weidig politisch aktiv. Als Liberaldemokrat wird er aus heutiger Sicht eingestuft. Seinerzeit galt er den Behörden als Revolutionär und wurde vom Großherzogtum Hessen-Darmstadt während seiner Zeit als Lehrer in Butzbach überwacht und zeitweise inhaftiert. Zu seinen besonderen Aktivitäten gehört die Herausgabe der illegalen Flugschrift des „Hessischen Landboten“ zusammen mit Georg Büchner, dessen Botschaft in dem Aufruf „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ gipfelte.

Eine Forderung, die für Norbert Kartmann heute noch aktuell ist angesichts der Vermögensverteilung und zunehmenden Ungleichheit in unserer Gesellschaft. Der HTV-Präsident erklärt in Ober-Gleen auch, dass die Geschichtsschreibung inzwischen Weidig als „Motor und geistigen Vater“ der hessischen Demokratiebewegung ansehe und sein Engagement höher einschätze als das des bekannteren Büchner.

Während der Schriftsteller angesichts der behördlichen Verfolgung 1835 nach Straßburg flüchtete, wurde Weidig im Spätsommer 1834 vom Lehrer-Dienst suspendiert und vom Großherzog als Pfarrer nach Ober-Gleen verbannt. Angesichts der damaligen Verkehrsmittel ist diese Verbannung in das 350-Seelen-Dörfchen in der Nähe von Alsfeld fast schon mit einer Abschiebung nach Sibirien gleichzusetzen.

Was aber nicht den Tatendrang Weidigs bremste. Er hielt nun revolutionäre Predigten von der Kanzel. Unter anderem damit scheint er sich die Sympathie und das Vertrauen der Bevölkerung der kleinen Ortschaft verdient zu haben, obwohl er nur ein halbes Jahr tätig war. Nach seiner Verhaftung hätten Frau und Tochter noch lange Zeit in dem Haus (von dem sich noch der Gewölbekeller im ursprünglichen Zustand befindet) gewohnt, berichtet Volker Schneider. Zudem habe die Bevölkerung, zur damaligen Zeit eher in sehr ärmlichen Verhältnissen lebend, die Familie mit Lebensmitteln versorgt. „Die Bevölkerung hatte selbst nichts“, beschreibt es auch Weidig-Nachfolger Pfarrer Walter Bernbeck.

Der heutige Hausbewohner Schneider weiß noch von seinem 1904 geborenen Großvater („der hat viel erzählt“, schmunzelt er), dass die Erinnerung an Weidig in Ober-Gleen wach geblieben ist. Denn der rührige Heimatverein veranstaltete im Frühjahr 2015 einen Weidig-Abend, an dem neben dem politischen auch das Wirken Weidigs als Schriftsteller und Liedschreiber beleuchtet wurde. „Da war die Kirche rappelvoll“, blickt Schneider zurück, dass rund 250 Besucher (bei derzeit 500 Einwohnern vor Ort) gekommen seien.

„Friedrich Ludwig Weidig kann man nur bewundern aus heutiger Sicht“, führt Pfarrer Bernbeck aus. Und auch Norbert Kartmann sieht seinen Turnverband weiterhin eng verbunden mit dem Revolutionär und Turnpionier. Die Weidig-Plakette sei schließlich die höchste Auszeichnung, die der HTV vergebe.

Ins gesamte Bild passt, dass Kirtorfs Bürgermeister Ulrich Künz die Enthüllung der Weidig-Plakette in Ober-Gleen vor über 50 Teilnehmern zum Ende seiner 42-jährigen Amtszeit als einen „besonderen Höhepunkt“ seiner Dienstjahre betrachtet. Und das nicht nur, weil er früher ebenfalls Turner gewesen sei.

 

Der Artikel erschien zuerst im Gießener Anzeiger

Die neue Weidig-Plakette am ehemaligen Wohnhaus des Turnpioniers und Revolutionärs in Kirtorf-Ober-Gleen mit (von links) Pfarrer Walter Bernbeck, Hauseigentümer Volker Schneider, Initiator und HTV-Ehrenpräsident Rolf Dieter Beinhoff, HTV-Präsident Norbert Kartmann und Kirtorfs Bürgermeister Ulrich Künz. Foto: Schuchardt