2019

Turnen und Rugby, zwei Seelenverwandte im Wahrnehmungs-Nirvana

Joachim Schuchardt - 24. September 2019 - Innenleben

Immer wieder bewegt einen Schreiber die Frage, was den Leser wohl bewegen mag. Oder andersherum, fragt sich der Schreiber, ob die Themen, die ihn bewegen auch (in diesem Fall ganz konkret) auch den Leser des Turn-Blogs bewegt. Schneller Konsens ist gefunden, wenn es zum Beispiel um die Radwende oder Rondat geht. Solche Kunstformen der Bewegung suchen natürlich ihresgleichen, sind quasi unvergleichlich, aber dennoch nicht konkurrenzlos, sollten an dieser Stelle aber umso mehr auf großes Interesse stoßen. Denn ausgerechnet parallel zur Heim-WM unserer Turn Teams in Stuttgart findet auch die Weltmeisterschaft im Rugby statt. Okay, die Titelkämpfe im Vergleich zum Turnen eher zweikampfbetonten Mannschaftslaufspiel, bei dem der Raumgewinn im Vordergrund steht – wohingegen es beim Turnen ja eher um die Raumnutzung geht. Diesen Raumgewinn erprobt man auf höchstem Niveau ausgerechnet im weit entfernten, aber für seine Enge bekannten Japan.

Doch trotz aller Gegensätze: Die beiden gar so unterschiedlichen Sportarten sind eigentlich Seelenverwandte. Denn Rugby ist – wenn auch von anderer Provenienz – fast genauso alt wie das Turnen, der Legende nach wurde es in der eponymen englischen Stadt 1823 zum ersten Mal gespielt, also kaum 10 Jahre nachdem Jahn seinen berühmten Platz auf der Hasenheide in Betrieb nahm. Doch Hochbetagung allein soll noch kein Indiz für Seelenverwandtschaft sein. Das stimmt so weit. Die interessanten Parallelen liegen – wie könnte es auch anders sein – in der Gegenwart. Denn während in rund zwei Wochen die Turner in Stuttgart ihre Räder wenden und in Tokio hartgesottene Kerle den Rasen umpflügen, um Raum zu gewinnen, machen die Deutschen das, was sie immer machen. Sie schauen Fußball und nehmen weder die Eleganz in Schwaben noch die rückwärtsgewandten Pässe des Ellipsoids (so nennen Geometrielehrer das eigenartige Rugby-Ei) im Land der aufgehenden Sonne zur Kenntnis. Und das ist für beide Anlässe schade.

Dabei hätten beide viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Und zwar jeder auf seine Art. Da wäre zum Beispiel die Massenwirksamkeit. Denn die beiden Seelenverwandten sind an Spektakulärem nicht zu übertreffen. Schauen Sie sich alleine die Flugeinlagen an. Weltklasse. In anderen Ländern hat man das schon verstanden, beim Rugby umso mehr. So dürfte sich das WM-Endspiel am 2. November durchaus über eine Milliarde Zuschauer weltweit freuen. Immerhin, es handelt sich ja um die größte Sportveranstaltung des laufenden Jahres. An diesem Punkt hinkt das Turnen ein wenig hinterher, das muss ich leider feststellen. Denn die Turn-WM Als Straßenfeger in Tonga, Neuseeland oder auf den Fidschis zu bezeichnen, wäre vermessen. Dennoch: Das Potenzial ist da, die Turnbewegung steht auch international gut da, erfreut sich weiter Verbreitung. Und sie hat einen Trumpf, den sie noch nicht wirklich ausspielt: Hier messen sich beide Geschlechter. Nicht, dass es kein Frauen-Rugby gäbe. Aber das findet bislang wenig öffentlich Interesse - was schon sehr vorsichtig formuliert ist. Aktuell sind es aber die Turnerinnen, die mit ihren Salti und Schrauben die Sportwelt aufhorchen (siehe schubloggt vom 12. August). Aber auch in Stuttgart werden sie sich wieder einsortieren müssen. Zusammen mit den Rugby-Herren. Irgendwo im Wahrnehmungs-Nirvana unterhalb des deutschen Fußball-Horizonts. Schade.