2019

#BEHPPY: Fremdgesteuert

19. Juni 2019, Joachim Schuchardt - #BEHPPY19, Innenleben

Der Irrsinn hat Methode. Besonders wenn so ein Landesturnfest Fahrt aufnimmt. Es sind unendlich viele Menschen, die herumwuseln, transportieren und schleppen, auf- und umbauen, an- und herumfahren, sich und andere besprechen. Eine besondere Einheit konnte ja gestern abgebildet werden, heute hingegen geht es um das Herz des Turnfestes: das Back Office. Das ist strategisch extrem gut positioniert, direkt mitten im Geschehen gelegen, dabei aber etwas abseits und unscheinbar platziert. Denn es handelt sich um ein profanes Zelt. Immerhin mit Holzboden und liebevoll unter dem schützenden, schattenspenden Blätterdach eines bäumernen Ziergewächses befindlich, dafür aber ohne Strom und Internet. Das hat auch seine Vorteile, denn die Leute, die sich daselbst um den wohlfeilen Fortgang des Turnfestes kümmern, haben ja sowieso ihre Handys, die nutzen sie auch reichlich (und vermutlich würden sie sie am liebsten schon lange in Tonne gekloppt haben….), sind somit mitten drin. Aber so ein Handy und auch so ein Laptop braucht ab und an Steckdosen-Nachschub. Und genau an der Stelle wird ein Schuh draus.

Um sich also die Akkumulatoren jener Geräte mit Energie zu versorgen („Moment Kollege, mein Rechner ist gleich alle...“), muss man sich in die benachbarte zentrale Verpflegungsstelle der Turnfest-Helfer begeben. Das wiederum könnte für den einen oder anderen Konsequenzen haben, würde es doch die Ehre unseres Küchenchefs kränken, sollte es zu Beschwerden über Qualität oder Quantität der feilgebotenen Speisen kommen, was sich in herzhaftem Zulangen dokumentieren sollte. Will heißen: Es mangelt zu keiner Tageszeit an lecker Brötchen, Kaffee (je nach Tageszeit ergänzt um Kekse), Mittag- und Abendessen. Alles reichlich da – und lecker. Das ist für die Arbeitenden gut, denn wenn man schon mal eine Pause einleget, kann man auch gleich die Glykogen-Speicher wieder auffrischen.

Für die Stromsuchenden Arbeitsbienen aus dem Bienenstock des Turnfests bietet sich allerdings ein völlig anderes Bild. Eigentlich haben sie mehr als genug zu tun: Helfer und Fahrzeuge disponieren, Hilfe organisieren, tausende Anfragen bearbeiten. Nun sind sie aber gezwungen, zu essen und zu trinken. In regelmäßigen, viel zu kurzen Intervallen. Fremdgesteuert durch Strommangel. Der Autor dieser Zeilen macht sich Sorgen. Nicht um die eigene Adipositas. Sondern um die der Kollegen im Back Office.

Man darf sich das nämlich sonst eher so vorstellen: Ein Turnfest ist für Mitarbeiter, Helfer, Volunteers nämlich gemeinhin ein Quell der Gewichtsreduktion. Jeden Tag knapp ein Pfund, so der Richtwert. Keine Zeit zu essen, den ganzen Tag in Bewegung, das wirkt Wunder und lässt jede Low-Carb-Diät und alles Intervall-Fasten verblassen. Aber für die Macher im Back Office ist nun das Gegenteil der Fall. Sie sind zum verharren und zur Nahrungsaufnahme gezwungen, nur weil die Akkutechnik noch immer auf dem Stand von vor 30 Jahren stecken geblieben. Bewegungsmangel dank fehlendem technischen Fortschritts. So, jetzt ist aber Schluss, ich habe kaum noch Akku-Laufzeiiiiiitttttt……


#BEHPPY: Turnerische Bio-Diversität

19. Juni 2019, Joachim Schuchardt - #BEHPPY19, Innenleben

Über die Vielseitigkeit des Turnens, der Turnerinnen und Turner sowie eines Turnfestes wurde an dieser Stelle schon öfter und heftigst schwadroniert. Aber was man im Laufe der Aufbauarbeiten eines Landeturnfestes so alles an turnerischer Bio-Diversität erleben darf, das übertrifft wahrlich sämtliche Erwartungen. Da wäre zum Beispiel der Bühnenbau. Großes Rasenfläche, sagenhafte Klettergerüste. Klingt nach Turnvater Jahn und Hasenheide. Nur dass, die, die da hochklettern halt keine Turner sind, sondern Rigger heißen (Wikipedia: Höhenarbeiter, die mit dem Auf- und Abbau der Traversen bei Veranstaltungen beschäftigt sind). Wenn man den Jahn-Jüngern glauben will, sind’s aber eigentlich Turner.

Turner müssen stark sein. Doch irgendwann genügt die Muskelmasse nicht mehr. Besonders wenn es darum geht, schwerste Lasten (genau: Bühnen) an besondere Orte zu bewegen. Die Freilichtbühne in Heppenheim ist so ein Ort. Eine Idylle mitten im Wald, trotzdem ganz nah am Innenstädtchen gelegen. Traumhaft – leider müssen zur Anlieferung Steigungen überwunden werden, um die selbst die Tour de France bei einer Bergetappe einen Bogen machen würde. So etwas überfordert auch die gestandesten Brummis samt deren Kutscher. Hilft nur schieben oder schweres Gerät. In diesem Fall haben sich unserer Turner für die kraftschonende Alternative entschieden. Wahrscheinlich hätten aber auch die turnerischen Muskelberge nicht genügt, angesichts von 15 Tonnen und 19 Prozent Steigung.

Besondere Einsätze, besondere Teams. Und weil wir Turner ja im Hier und Jetzt angekommen sind, wurde für das Landesturnfest eine SWAT gebildet. Soll  bedeuten: special weapons and tactics. Ganz so martialisch wie bei den amerikanischen Originalen ist das in Bensheim und Heppenheim allerdings nicht. Denn erstens mal besteht die SWAT in erster Linie aus dem Vorstand der Hessischen Turnjugend. Und natürlich sind sie nur mit Muskelkraft und viel Energie bewaffnet. Aber taktisch sind sie bestens ausgebildet. Deshalb tragen sie auch erst einmal den Fußball davon.


#BEHPPY ist die Antwort...

11. Juni 2019, Joachim Schuchardt - #BEHPPY19, Innenleben

So ein Turnfest ist wie das echte Leben. Deshalb bewegt das Turnfest auch organisatorisch das, was man so die „großen gesellschaftlichen Themen unserer Zeit“ nennt. Und spätestens jetzt ahnt man, um was es gehen könnte.

1.      Klimaschutz
Wie fängt das Turnfest an? Genau, mit einem klimafreundlichen Zug durch die Gemeinde! Das hat Tradition, kommt von Jahn (und nicht von Greta Thunberg, außerdem ist die turnerische Klima-Demo am Mittwoch und nicht am Freitag), denn schon auf die Hasenheide zog man zu Fuß, voran das Turner-Banner und die Blasmusik. Der CO2-freundliche Anmarsch zum Turnfest ist einfach in den Genen der Turnerschaft fest implementiert.
Aber wir Turner stehen ja für Tradition und Moderne gleichermaßen, deshalb ist auch eine Reise aus der Ferne vorgesehen (und nicht nur von Berlin zu Fuß auf die 2 Km entfernte Hasenheide), die man wenn möglich klimaneutral mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder in einem Vereinsbus antritt. Vor Ort ist’s ja dann wie bei Jahn, da kann man sich zu Fuß bewegen oder mit dem ÖPNV-Ticket, das man mit der Festkarte mitbekommt. Selbstverständlich verzichten wir auf Einweg-Geschirr etc. und bringen unsere Frühstücks-Teller für das Schulquartier selber mit. Womit wir bei der Hausordnung für die Gemeinschaftsunterkünfte wären, die eigentlich ein Kompendium der Nachhaltigkeit sind: Elektro-Geräte sind nicht erlaubt, Luftverschmutzung durch Rauchen selbstverständlich untersagt und Müllvermeidung obligat.

2.      Knapper und bezahlbarer Wohnraum
Auch da sind wir um Turnfest-Antworten nicht verlegen. Jeder, der es schon mal mitgemacht hat, liebt sie: Die Gemeinschaftsunterkunft, auch Schulquartier genannt. In Zeiten großer Verdichtung innerhalb der Ballungsräume haben wir die Umnutzung und das Zusammenrücken als Antwort parat. Während in unseren Zentren über neue Wohnformen in tiny houses nachgedacht wird, nehmen wir die Klassenzimmer bestehender Schulen, gönnen unseren Teilnehmern generöse 3 m² und

3.      Die kippende Alterspyramide

Stimmt. Merkt man auch beim Turnfest. Nun gut, da kann man sagen, die Hälfte der Besucher ist total jung, also ein Traum für die Veranstalter (und insbesondere die Turnjugend J). Doch die Älteren kommen. Das merkt man sowohl an den ausgebuchten Wanderungen (ganz ehrlich: welcher 17-Jährige wandert schon beim Turnfest…?) aber auch an den gut nachgefragten Wahlwettkämpfen in den etwas höheren Altersstufen. Allerdings bringen die Älteren meine Thesen zum Wohnraum ins Kippen, denn sie schlafen oft nicht in der gebotenen Enge der umgenutzten Klassen sondern frequentieren die lokale Hotellerie. Doch da sind wir nachsichtig, weil noch ist die Rente ja sicher und jeder ältere Turnfestbesucher (nur: wie alt ist man eigentlich, wenn man älter ist?) darf sich wohl als Traum der Krankenkassen und Rentenversicherer fühlen, denn ältere Turner sind … genau: fit.

Das Turnfest ist also, genau das, was Douglas Adams in seinem großartigen Roman Per Anhalter durch die Galaxis mit 42 meinte – die Antwort auf alle großen Fragen unserer Zeit. Falls nicht, dann aber auf alle Fälle eine Möglichkeit, sich fünf Tage zu bewegen, Freunde zu treffen und einfach Spaß zu haben . BEHPPY eben!


#BEHPPY19 oder: Da gibt es sicher was zu besprechen!

05. Juni 2019, Joachim Schuchardt - Innenleben, #BEHPPY19

Können Sie sich vorstellen, was vor einem Turnfest in so einer Turnverbands-Geschäftsstelle los ist? Genau. Land unter. Telefone im Dauerklingel-Modus, Konferenzen, Meetings oder Besprechungen zur Lage, zur Sicherheit, zur Wettkampf-Durchführung, zur Konzert-Technik, zum Bühnenaufbau, zur Verkehrslenkung, zur Aufstellung von fliegenden Bauten, zur Positionierung von Toiletten-Häuschen, zur Akkreditierung und zum Frühstück in den Schulquartieren, um nur eine kleine Auswahl zu nennen.  Ja, alles will recht organisiert sein, denn die Messlatte liegt hoch.

Turnfeste sind kleine Meisterwerke der Organisation -  kann man mit Fug und Recht behaupten. Das liegt im Wesen des Turnens. Darauf muss man immer wieder mal hinweisen: Bewegungsmuster, die nach Perfektion streben, in einem Wettkampf zu betreiben, wirkt auch aus dem eigentlich sportlichen Bereich heraus. Alles was sich nicht absolut rund dreht, fällt durch das Raster; Überschläge, die nicht korrekt ausgeführt werden, fallen aus der Wertung und Griffe, die nicht sitzen, führen zum Abgang vom Gerät (missratene Kunststücke am Balken gerne auch!).

So etwas überträgt sich natürlich in den (Vereins)Alltag. Beim Turnen muss die Organisation sitzen. Egal wie - sonst Abgang, um es mal böse zu sagen. Ja, der Turner (und natürlich auch die Turnerin) verzeiht keine kleinen Fehler oder Ungereimtheiten, deshalb auch die vielen Konferenzen, Meetings oder Besprechungen und Telefone im Dauerklingel-Modus. Alles, aber auch wirklich Alles ist durchorganisiert, bestens aufgestellt und jeder turnerische Wunsch wird umgesetzt.

Als ob das nicht alles schon genügen würde, um eine gute Hundertschaft ehren- und hauptamtlicher Mitarbeiter ordentlich in Schwung zu halten, es gibt noch immer welche, die was oben draufsetzen. Ohne jetzt in allgemeine Schelte über uns Staatswesen verfallen zu wollen, aber was die deutsche Gesetzgebung sich inzwischen zur Sicherheit bei Großveranstaltungen, seien es erheiternde oder sportliche, einfallen hat lassen, überschreitet tatsächlich den zugegeben kleinen Horizont eines Bloggers bei weitem und nährt die krudesten Vergleiche unter den Kollegen („Hätte Fukushima die gleichen Sicherheitsauflagen gehabt wie das Turnfest, hätte das Erdbeben um einiges stärker ausfallen müssen“). Zugegeben, das ist political incorrect und böse, zumal sich die Kollegen in den Verwaltungen an der Bergstraße alle erdenkliche Mühe geben, BEHPPY als Motto umzusetzen. Dafür sollte man sie mal loben, die deutsche Verwaltung, insbesondere die im Süden Hessens. Allerdings kann man schon zwei Wochen vor Beginn des Turnfestes an der Bergstraße SICHER sein: Wenn sich Turner und Sicherheitsbehörden paaren, kann eigentlich nichts schiefgehen.

Unter der Kategorie #BEHPPY19 werden wir Ihnen ab sofort in unserem Blog kleine Einsichten in den Irrsinn namens Turnfest gewähren. Ab sofort oft und mit dem Beginn der Turnfestwoche immer öfter. Und während der Tage an der Bergstraße finden Sie uns auch auf der Turnfest-Homepage, dann mit einem verstärkten Blogger-Team.