Innenleben

Joachim Schuchardt - 11. März 2019 - Innenleben

Ein heißes Eisen macht noch keine Hysterie

Manchmal muss man ja froh sein, dass man Turner ist. Stellen Sie sich mal vor, wir würden hier über Leichtathletik reden. Oder über Radfahren. Jeder dritte Satz hätte Doping oder Betrug zum Inhalt. Gottseidank ist das hier ein wenig anders, was wohl daran liegt, dass im Turnen Doping wenig effektiv und beim Einsatz von den NADA-Kontrolleuren schon an der Urinfarbe erkannt würde (anabole Steroide). Ich weiß, jetzt provoziere ich Schelte, denn das riecht nach turnerischer Überheblichkeit, zu behaupten, die Sportarten, über die hier schwadroniert wird, die seien moralisch außen vor. Nein, so ist es nicht gemeint. Ich vermute, auch beim Turnen wurde schon gedopt, vermutlich wird es auch noch. Aber es ist nicht einmal die Ausnahme, die eine Regel bestätigen könnte. Und der Grund liegt auf der Hand: turnerischer Erfolg führt nur in den allerwenigsten Fällen zu wirtschaftlichem Erfolg.

So weit, so gut. Aber aus dieser Haltung heraus, würde es mir ja leichtfallen, mit dem ausgestreckten Studienrats-Zeigefinger auf die Leichtathleten, Kraftsportler, Radfahrer, Biathleten, und Nordischen zu deuten. Will ich nicht. Im Gegenteil. Ich will sie mal in Schutz nehmen. Aber bevor ich das tue, will ich Ihnen versichern, dass ich Doping für verabscheuenswürdigen Betrug halte, den es unbedingt zu verfolgen und bestrafen gilt.

Lassen Sie es mich aber trotzdem mal anders beleuchten. Zum Beispiel am Beispiel der russischen Leichtathletik. So berichtete in ungeahnter Plakativität (nennen wir es mal vorsichtig so) die Sportschau gestern über Listen aus dem Kreml, in dem immer noch Trainer auftauchen, deren Athleten gedopt hatten oder von ihnen offenkundig zu selbigem angeleitet worden waren. Ein extrem unschöner Vorgang. Zweifelsfrei.

Nun lassen sie uns aber mal die Bälle flach halten (um es mit meinen geschätzten Zweier-Prellballern zu sagen!). Doping ist Betrug. Kein Zweifel. Wir müssen uns aber nicht als Scharfrichter aufspielen. Denn es geht nicht um Mord oder einen Terrorakt. Etwas weniger Hysterie würde uns wirklich guttun. Auch wenn da ein Arzt in Erfurt oder ein Trainer in Moskau gleich mit mehreren Sportlern systematisches Blutdoping betrieben hat – nein, es ist nicht die Camorra, die hier die Strippen zieht. Lasst uns Menschen, die so etwas tun, nicht behandeln wie Kindermörder. Sondern wie die Straftäter, die sie sind. Nicht mehr und nicht minder. Grauseligste Verschwörungstheorien – egal ob in Thüringen oder in Russland sind da wenig zielführend. Zumal es noch viel mehr unschöne Ausprägungen im Sport gibt. Nur das übersehen wir gerne, oder nehmen es wohlwollend hin. Viel mehr, als uns lieb sein kann.

Doch von all dem will ich mir den Spaß an der Bewegung nicht vermiesen lassen. Auch wenn es sich medial mehr oder minder gut aufbereiten lässt. Gerade in einer Zeit, in denen wir in Blogs oder in sozialen Netzwerken so wunderbar schwadronieren können. Mit viel Scharfrichterei und ohne nötiges Augenmaß. Ich werde es mir zu Herzen nehmen.