2019

Was Turner verdienen

Joachim Schuchardt - 11. August 2018 - Innenleben

Glasgow und Berlin sind in aller Munde. Und das Turnen dazu. Mini-Olympia mit den großen Individiualsportarten Leichtathletik, Schwimmen und natürlich den Gerätturnerinnen und Gerätturnern. Und eigentlich kann man den Verantwortlichen in den europäischen Spitzensportverbänden nur gratulieren. Denn das Konzept geht auf. Denn wer kann sich schon erinnern, außerhalb Olympischer Spiele die Turnkünste an einem Wochenend-Nachmittag zur Prime Time live zu erleben. Ein seltener Genuss. Zehn Tage lang geht und ging das nun so. Mit Rudern, Kunstspringen, Triathlon und Bahnradfahren.

Das Ganze grenzt an ein kleines Wunder. Ich kann mich nicht erinnern, in über 20 Jahren Live-Schalten der öffentlich-rechtlichen Sender zu einem Vorkampf einer EM – zumal nicht in Deutschland – erlebt zu haben. Und dann auch noch Turnerinnen außerhalb des engsten Favoritenkreises nicht-deutscher Provinienz zu sehen. Einfach so. Unfassbar. Da bemerkten selbst die Kommentatoren von ARD und ZDF, dass sie Teil von etwas Medial-Besonderem sind. Immer wieder waren Beteuerungen zu hören, dass die European Championships ein herausragendes Ereignis seien – abseits des Fußballs. Stimmt. Oder vielleicht doch nicht. Lassen sie uns mal genauer hinsehen. Denn möglicherweise hat das eine nichts (mehr) mit dem anderen zu tun. Denn was so gut wie alle Starter bei den EM‘s eint: Sie wissen kaum, wie sie ihren Leistungssport mit ihrem „sonstigen Leben“ in Einklang bringen sollen, denn es mangelt in fast allen Fällen an monetärer Unterstützung. Sieht man von Ausnahmen wie einst Fabian Hambüchen ab, gilt das für unsere Turnerinnen und Turner ebenso wie für den Zehnkämpfer Arthur Abele oder Radfahrerin Trixi Worrack. Schauen Sie sich das mal an und fragen Sie sich doch mal, was Balken-Weltmeisterin Pauline Schäfer überwiesen bekommen könnte. Und was sonst noch so dazu kommen könnte…

Nein, auf Vergleiche mit den Neymars dieser Welt soll an dieser Stelle verzichtet werden. Aber festzuhalten bleibt, dass kein einziger Viertliga-Kicker in dieser Republik für die paar Kröten über den Rasen rasen würde. Das ist nicht neu, das weiß ich auch. Und eine alte, vielleicht nicht ganz ernst gemeinte Forderung eines früheren Vizepräsidenten bahnt sich ihren Weg: „Lass uns die Fußball-Berichterstattung in den Zeitungen dahin tun, wo sie hingehören. In den Wirtschaftsteil.

Das sollten man doch mal zu Ende denken. Eine kleine, aber feine Idee: Nicht mehr die Befindlichkeiten und muskulären Probleme (von was eigentlich, bei einem Spiel pro Woche?) der Spieler heimischer Bundesligisten prägen die Schlagzeilen auf der Titelseite des Sportteils in der Freitagszeitung, sondern das Volleyball-Champions-League-Spiel zwischen Friedrichshafen und Udine vom Vorabend. Man könnte sich mit dem Gedanken anfreunden, zumal man in der Wochenend-Kolumne meiner Lokalzeitung endlich auch mal einen Hinweis auf das anstehende Derby in der Tennis-Oberliga zwischen den beiden heimischen Vertretern fände. Sport ist pluralistisch. Die Medien können das widerspiegeln. Auch ohne einen ewigen Reflex auf den Fußball. Er ist nur ein Teil. Und er wird durch genau diese Reflexe von uns Medienschaffenden überhöht. Das haben die anderen Sportler nicht verdient. Schon gar nicht während eines so wunderbaren Großereignisses wie den European Championships.

 

 

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