2019

Simone Biles for president

Joachim Schuchardt - 12. August 2019 - Innenleben

Die Mahnung ließ nicht lange auf sich warten. Kaum ist das Turnfest vorüber, der Urlaub vorbei - schon soll dem siechenden Schublog neues Leben eingehaucht werden. Zumal die Arbeitsbasis für diese Ansammlung digitaler Absonderlichkeiten wiederhergestellt wird. Denn seit neuestem hat die Fokuszeit wieder Einzug gehalten. Die montägliche Fokuszeit gehörte stets dem Blog. Jenes verführerisch ruhige Stündchen, das zu kontemplativen Gedanken einlädt, es ist die Grundlage für das hier Abgesonderte (siehe Blog vom 28.2.19: Das Silicon Valley liegt in der Hasenheide).

Themen haben sich ja auch genug angesammelt. Sogar brandaktuelle und beliebte dazu, die auch noch wunderbare Synergien erzeugen. Da wären zum Beispiel Turnerinnen und Fußballer. Kein ganz neuer Vergleich, aber ein immer wieder beliebter an dieser Stelle. Sie sollen heute aber mal ganz anders beleuchtet werden. Brandheiß nämlich (und ohne irgendwelche Hintergedanken!). Da wäre nämlich der Triple Double der überragenden Ausnahme-Turnerin Simone Biles bei den US-Meisterschaften: Gehockter Doppelsalto mit drei Schrauben am Boden. Wahnsinn. Ein Element, an das sich noch nie zuvor eine Turnerin herantraute, geschweige denn ausführte, und selbst bei den wesentlich athletischeren Turnern nicht gerade zum Standard-Repertoire gehört, um es vorsichtig zu formulieren. Klar, dass dieser Triple Double weltweit medial wie viral durch die Decke ging. Zu Recht.

Und dieses durch die Decke gehen eint die Biles-Übung mit der Top-Sport-Meldung am gestrigen Donnerstag. Fritz Keller wird neuer DFB-Präsident. Einhergehend mit den immer gleichen Plattitüden und Stereotypen ("Hoffnungsträger für den zerrütteten größten Sportverband der Welt"). Um es gleich vorwegzunehmen. Ich finde es eine mehr als interessante und wohlüberlegte Auswahl der Findungskommission. Einer, der offensichtlich eher Genussmensch als Funktionär ist, und im konservativen deutschen Fußball "steht der von ihm geführte SC Freiburg schon seit fast drei Dekaden für das Gute im deutschen Fußball. Ein Klub, der aus wenig viel macht, frei von Skandalen ist, solide wirtschaftet, sich seiner sozialen, ökologischen und gesellschaftspolitischen Verantwortung bewusst ist", so zumindest kommentieren es die Kollegen der taz.

Also eine gute Wahl?!? Mitnichten. Denn wenn man wirklich Mut bewiesen hätte, wäre man auf die Suche gegangen nach der deutschen Simone Biles des Fußballs. Denn Simone Biles hat uns gezeigt, wie stark Frauen sind. Und was sie alles draufhaben. Manchmal oder oft sogar einiges mehr als Männer. Bei den Turnern zumindest. Aber warum nicht auch beim größten Sportverband der Welt?