Innenleben

24. Oktober 2017, Joachim Schuchardt - Innenleben

Buch und Bundestag

Heute soll einmal der Wind des Großen durch diesen Blog wehen, denn es ist ein historischer Tag. Zum einen konstituiert sich der 18. Bundestag genau während diese Worte geschrieben werden, zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten mit sechs Parteien auf den Parlamentarierbänken. Und in den Buchhandlungen rund um das Parlament (und anderswo in der Republik) liegt seit heute das neue Buch von Fabian Hambüchen in den Stapeln obenauf.

So überschlagen sich die Medien. In den Liveblogs der Wahl zum Bundestagspräsidenten kocht das Duchfallen des Herrn Glaser (aus Frankfurt, sic!) hoch. Und bei Bild.de rauschen die ersten Zitate aus der Hambüchen-Schreibe über den Bildschirm. "Du bist ein arrogantes A.... geworden", kann man da als Zitat des Vaters über den Sohn nachlesen.  Okay, das ist aus dem Zusammenhang gerissen und nur wenig aufschlussreich. Spricht aber nicht für den literarischen Wert des 19,90-Euro-Werkes. Ist auch gemein. 

Das liegt vielleicht daran, dass man eine andere Erwartungshaltung an ein autobiografisches Tunerbuch hat. Und es ist auch der Zeitgeist, der da weht. Der spricht für den einstigen Turnfloh aus Wetzlar, der übermorgen 30 wird und damit den Status eine Flohs längst über Bord geworfen haben dürfte. Denn die Sprache ist zeitgemäß, wenn auch nicht den turnerischen Erwartungen entsprechend. Ist aber andererseits auch gut so. Denn eines kann man Fabian Hambüchen nicht unterstellen: angepasstes Handeln. Damit hat er stets für Aufsehen gesorgt, auch abseits der Reckstange. Und am Ende hat das Turnen in Deutschland davon wohl mehr profitiert, als dass es geschadet hätte. Zumindest in der breiten Öffentlichkeit.

Was das alles mit dem Bundestag zu tun hat? Den Zeitgeist sicherlich, denn die Wahlen haben gezeigt, dass die (etablierten) poltitischen Parteien publizistisch und thematisch offensichtlich einer nicht mehr ganz kleinen Minderheit in der Republik nicht mehr aus der Seele sprechen. Denn das unangepasste ist im Vormarsch. Das zu verstehen, fällt uns Turnern manchmal schwer. Was aber auch gut sein kann.


Innenleben

29. September 2017, Joachim Schuchardt - Innenleben

Sport, Turnen und Soziale Arbeit

Es ist ja sonst nicht unser Stil, uns mit den anderen zu beschäftigen, denn wir Turner sind uns ja oft selbst genug. Aus gutem Grund, denn und gibt es schon lange, wir sind so richtig breit aufgestellt und - darüber hatte ich zuletzt geblogt - sind gut justiert zwischen Tradition und Moderne.

Trotz alledem, wir sind ein Teil des Großen und Ganzen (ein nicht unerheblicher!) namens Organisierter Sport in Deutschland. Dass wir da eigentlich ganz gut aufgehoben sind, beweisen die vielfältigen Aktivitäten des DOSB. Und da sei an dieser Stelle in besonderer Weise der wunderbare DOSB-Pressedienst erwähnt, der jeden Mittwoch nachmittag pünktlich in meinem elektronischen Postfach liegt. Besonders hervorzuheben: Der oft 30-seitige Pressedienst beginnt stets mit einem Kommentar, und zwar so gut wie immer mit einem sehr gehaltvollen.

Gestern hat sich daselbst Martin Schönwandt zu Wort gemeldet. Schönwandt ist Vorstand Jugendsport beim DOSB und hat sich grundlegende Gedanken zum Zusammenspiel von Sport und Sozialer Arbeit in dieser Republik gemacht. Und festgestellt, dass die gesellschaftlichen Aufgaben des Sports und der Sozialen Arbeit meist deckungsgleich sind, und irgendwie längst zueinandergefunden haben. Eine nicht unwichtige Erkenntnis, wenn wir uns als Turnvereine vor Augen halten, welche vielfältige gesellschaftlichen und insbesondere jugendpolitisch-pädagogischen Aufgaben inzwischen durch fast alle Sportvereine gestemmt werden. Wir integrieren, kennen keine soziale Schere, bei uns gilt Bildungsgleichheit, wir sind ein glühendes Besipiel für gelebte Demokratie.

Nur wenn es um darum geht, "guten und durchaus auch erfolgreichen Sport gerade für junge Menschen zu organisieren, bewegt (es) sich grundsätzlich in völlig anderen Kontexten und verfolgt andere Ziele als die Soziale Arbeit." Mag sein. Oder auch nicht. Denn dem sei gegenüber gestellt, dass sich das friedliche, sportliche Messen nach einem ausgetüftelten, nach den Richtlinien des Fair Play ausgerichteten Wettkampfes durchaus ein gutes Stück Sozialarbeit abbildet. Glaube ich. Zumndest lasse ich das mal für uns Turner so stehen und beziehe mich dann mal gerne auf unsere Turnväter, in deren guten demokratischen Werte-Tradition wir uns (auch in der Morderne!) immer noch gerne und gut bewegen.

Bleibt nur die Frage, ob dies bei manch einer anderen Sportart und bei offensichtlich professioneller Struktur unter Einsatz vieler Millionen Euros vielleicht ganz anders aussieht. Aber da können Sie sich ja selber ihr Urteil bilden.


Wenn sich Barren und Bildschirm umarmen....

28. September 2017, Joachim Schuchardt - Innenleben

... sich Reck und Rechner küssen, dann hält die Digitalisierung Einzug im Hessischen Turnverband. Es ist genau das, was der Hessische Turnverband, oder besser wir älteren Turnerinnen und Turner so gerne mit Tradition und Moderne titulieren. Denn: Tradition und Moderne, diese Mixtur tut dem Turnen gut. Während sich die vornehmlich älteren Herrschaften mit Verantwortung in den Vereinen (wozu sich der Autor angesichts vieler Lenze jenseits der 50 wohl auch zählen muss), wohl eher dem traditionellen innerhalb der Turnerei zuwenden, ist die Turnpraxis eher in der Moderne angekommen. Nehmen wir zum Beispiel Fabian Hambüchen (Turnpraxis, jung!). Der hat zwar eher einen traditionellen Turnanzug an, seine Übungen wären aber ohne digitale Mithilfe sicher nicht so formvollendet, wie sie daherkommen. Klar, Talent braucht's auch, aber die biomechanischen Möglich- und Fähigkeiten werden in der Halle per Mausklick auseinanderseziert. Gut, das ist jetzt ziemlich hoch aufgehängt, aber: Verabreden Sie sich nicht per WhatsApp für die nächste Pilates-Stunde, gestatten sie dem Kassenwart ihres Turnvereins nicht etwa den SEPA-Einzug per Mausklick...
....Und genau deshalb will auch der HTV Digitalisieren. Neue Homepage, neuer Blog, neue Inhalte....
Nein, genau nicht, denn die bleiben dann doch gleich. Denn auch in der schönen, neuen, digitalen Welt sollten wir nicht vergessen, mit was wir es hier zu tun haben: Mit Turnen, mit Körperkunst, und mit Menschen, die sich zum Ausübung dieses Zweckes zusammengeschlossen haben. Und zwar mit der einfachen Prämisse, dass die Ausübung der Turnkunst in der Solidargemeinschaft Verein noch viel mehr Spaß macht. Modern oder tradionell, digital oder analog - egal, Hauptsache es gefällt.


Schublogt

28. September 2017, htvuser - Innenleben

Digital, aber trotzdem lieb

Auch an Kolumnen geht die Digitalisierung nicht vorbei. Liebgewonnenes findet sich oft gedruckt. Bislang. Das ändert sich, so wie sich auch die Welt ändert. So wird aus Schuschreibt Schublogt. Das hat aber nicht nur Nachteile (weil ja etwas Liebgewonnenes verloren geht), sondern auch Vorteile. Denn wenn Schu blogt, spart sich der Autor einige Zwischenschritte. Kein Layout, keine Korrekturschleifen, kein Druck und Versand. Die unnützen Ausdünstungen des Schu über Turnen, Vereine, Zusammenleben im Alltag, Sprache, mehr oder minder nutze Bewegungsformen, Essen und Trinken - sie alle landen direkt beim Leser (oder der Leserin, oder wer auch immer dieses unnütze Zeug liest).

Weil das Ganze also digitalisiert und damit ein wenig barierrefreier, sicher aber schneller ausgedünstet werden kann, könnte es sein, dass Schu nun öfter schreibt (oder blogt), somit also die Belästigungsfrequenz des nennen wir es mal Konsumenten deutlich zunimmt. Das könnte dann wiederum von Vorteil sein, zum Beispiel weil Sie, werte Leser, diese kleine und nutzlose Kolumne liebgewonnen haben. Das würde den Autor freuen, egal ob digital oder gedruckt.